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Das Selbstzerstörerische des fehlenden oder negativen Selbstwertgefühls als Strich durch die Rechnung | Kapitelübersicht
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Meine lieben Politiker, Wirtschaftsbosse und Lehrer! Ihr meint es so gut mit uns, nicht wahr? Ihr lasst uns spüren, dass wir der Souverän des Staates sind, ihr lasst uns spüren, dass wir die entscheidenden Kräfte der Produktion, der Pflege und der Erhal- Deshalb ist es auch so verwunderlich, dass es so viele Menschen gibt, die versagen. Die sich selbst zerstören und dabei eigentlich euch zerstören wollen. Aber nicht so, wie ihr das jetzt denkt. Die Menschen sind viel intelligenter, als ihr das für möglich haltet. Die Menschen wissen ganz genau, dass wenn sie euch die Köpfe abschlagen, sieben Köpfe nachwachsen. Das ist die Dynamik des Systems. Nein, wenn sie sich selbst zerstören wollen, durch Alkohol, durch Zigaretten, durch andere Drogen, so soll dieses Verhalten immer das System schwächen. Denn die Selbstzerstörer schwächen das System – schwächen es viel effektiver, als ihr glauben wollt. Denn sie zeigen ihre Selbstzerstörung den anderen, die noch nicht aus dem System ausgekoppelt sind und sie lassen die anderen die Rechnung bezahlen. Gleichzeitig funktionieren diese Zeichen als Kassiber, als Geheimzeichen zur indi-
Sie zeigen den anderen ihre Selbstzerstörung auf vielerlei Weise, die ihr euch nur noch nicht klar gemacht habt. Gleichzeitig sind diese Zeichen in euren Augen so lächerlich, dass ihr sie nicht ernst nehmen werdet. Weil sie schon so lange bestehen und sie ein so geringes Protestwirkungspotenzial haben, dass ihr nur lachen könnt. – Und die manchmal auch gar nicht wie Selbstzerstörung aussehen (dann aber ist die Zerstörung oder zumindest die Aufweichung der Moral der Systemanhänger Zielscheibe). Dabei ist der aggressiv gemeinte Protest ambivalent: er ist auch ein Hilferuf, der an euch gerichtet ist und der euch sagen will: Ich fühle, dass ihr meinen Selbstwert nicht erkannt habt. Deshalb habe ich damit begonnen meinen Selbstwert anzuzweifeln. Wenn ihr meinen Selbstwert nicht schätzt, werde ich durch Spuren oder mich selbst dem Rest des Systems zeigen, dass eure Geringschätzung meiner Person keine Einbahnstraße ist. Auf dass die übrigen Systemteilnehmer sehen, dass das System gar nicht so gut – weil nicht für jeden – ist. Die Zeichen: Jede Zigarettenkippe ist ein Protest, ist Aggression, ist Hilfeschrei. Jede Kaugummikippe ist ein Protest, ist Aggression, ist Hilfeschrei. Jede Pisse und jedes Tag*, im Tunnel, Durchgang oder sonst wo, wo Menschen entlanggehen, sind ein Protest, sind Aggression, sind Hilfeschrei. Jede zerbrochene Flasche auf der Straße ist ein Protest, ist Aggression, ist Hilfeschrei. Jeder Obdachlose ist ein Protest, ist Aggression, ist Hilfeschrei. Jeder beschädigte Sitz in öffentlichen Verkehrsmitteln ist ein Protest, ist Aggression, ist Hilfeschrei. Jeder Bettler ist ein Protest, ist Aggression, ist Hilfeschrei. Jeder Süchtige ist ein Protest, ist Aggression, ist Hilfeschrei. Wenn Sie sich jetzt gefragt haben, warum zum Beispiel ein Bettler Aggression ist, dann haben Sie die Intention des Gedankens noch nicht verstanden. Denn es geht immer um das System. Und die Aggression muss sich in diesem Fall nicht in einem aggressiven Verhaltens des Bettlers Ihnen gegenüber äußern. Auch ein handzahmer Bettler ist eine indirekte Aggression, und zwar gegenüber dem System. Die Aggression greift das System an, indem sie es hinterfragt. Denn wir Menschen sind und bleiben soziale Wesen und empfinden tief in unserem Innern ein letztes Quäntchen an Mitleid, wenn wir einen Bettler sehen. Meistens jedoch haben wir in unserer heutigen zynischen Zeit den Weg zu diesem Teil unseres Innern so effektiv verbarrikadiert, dass wir dieses Mitleid nicht mehr fühlen.
Unsere Kompetenzhygiene (unsere unter Umständen auch unbewusste Eigenschaft, Dinge auszublenden, die uns sonst in bestimmter oder unbestimmter Weise einschränken würden) verweigert uns diese Regung, damit wir in diesem System selbst überleben können. Genau hier aber wirkt die Sichtbarwerdung des Bettlers aggressiv. Denn Mitleid als ureigene menschliche Regung ist nicht so schwach, wie ein Zyniker glaubt. Wird das Mitleid aktiviert, will es nach oben an unsere Oberfläche. Je stärker wir versuchen, diese Empfindung zu deckeln, desto zynischer werden wir. Während Zynismus aber heutzutage salonfähig geworden ist, bleibt seine verheerende Wirkung nicht aus: er macht den Zyniker hässlich. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn es gibt so viele von ihnen, dass auch die Hässlichkeit salonfähig geworden ist. Es mag sein, dass diejenigen Menschen, die die Fähigkeit zum Zynismus nutzen, einen wirtschaftlichen Vorteil haben. Doch solange sie Menschen sind, werden sie ihre eigentliche Kraft nicht aus dem Geld, sondern aus dem Erlebnis der Schönheit und der Liebe ziehen. Und sei es nur eine gekaufte Instant-Liebe – das reicht ihnen vielleicht schon. Von den vielen Utopien, die es gibt, erscheint diese eine am wirkungsvollsten, um die Zyniker dieser Welt ein für allemal auf ihren Irrweg des Geldes hinzuweisen: Wenn sich die Künste und die Prostitution, die ja auch nie weit auseinander gelegen haben – Wenn der wahre Wert (nicht der Warenwert) der Menschlichkeit endlich anerkannt werden würde, würde der Selbstwert eines jeden gefördert werden und die Aggression und damit die Aushöhlung des Systems ein Ende nehmen. Deshalb müssten alle Systemanhänger und vor allem die Systemspitzen auch endlich diesen Wandel vollziehen, denn sie haben ein genuines Interesse an der Systemerhaltung – die anderen nicht.
Wenn der Wandel nicht vollzogen wird, stattdessen aber der Berg immer weiter ausgehöhlt wird, wird das abgetragene Material, also die Menschen, einen zweiten kleineren Berg bilden. Es ist anzunehmen, dass zurzeit die Systemanhänger davon ausgehen, dass der kleinere Berg kein richtiger Berg ist und bei der anhaltenden Trockenheit (Armut) bald vom Winde verweht sein wird. Und sie hoffen, dass die Ratten, die in dem ausgehöhlten Berg eine neue Bleibe gefunden haben, mit der Zeit genügend Material hineintragen werden um den großen Berg wieder zu stabilisieren. Wie unschwer klar wird, hängt das Ende dieser Geschichte davon ab, ob es Regen geben wird oder nicht. Wenn es keinen Regen geben wird, bleibt alles so wie es ist: der ausgehöhlte Berg wird weiter bestehen. Und der kleine Berg wird vom Winde verweht, weil das lockere Material von der Sonne zu Staub getrocknet wird. Wenn es aber regnen wird, dann bricht der große Berg in sich zusammen und der kleine wird gefestigt. Sie werden sich sicherlich gefragt haben, was für den Regen steht. Natürlich ist es das wieder- oder neu- oder ersterlangte Selbstwertgefühl des Menschen zweiter Klasse. Der selbstverständlich kein Mensch zweiter Klasse ist. Der aber glaubte, einer zu sein, weil die Systemanhänger ihn so ansahen. Denn was ein Mensch ist, wird beeinflusst von dem Ansehen der anderen. Ein Mensch kann noch so gut sein: Wird er von den anderen gering geschätzt, ist er ein Nichts. Denn der Mensch ist und bleibt immer wieder ein soziales Wesen. Ohne diesen Zusammenhang würde er zu Grunde gehen oder todunglücklich sein oder zumindest verrückt werden. Deswegen gibt es ja auch so viele Verrückte. Weil sie sich so verinnerlicht haben, dass ihnen die soziale Perspektive abhanden gekommen ist.
Ja, die soziale Perspektive fehlt zurzeit. Fehlt uns sehr. Weil die ästhetischen/menschlichen Leitlinien fehlen … Und deshalb wird von einigen die Leitkultur beschworen – während wir immer mehr und mehr zu Einzelwesen degenerieren. Warum? Weil die Werbung uns immer deutlicher auf uns konzentriert hat. Das gipfelte auf nie deutlicherer Art
Aus der weiter oben beschriebenen Konsumfalle kommen wir nur durch Erkenntnis des Mechanismus' heraus. Wenn man also den Weg aus der Misere heraus in einer Formal ausdrücken wollte, so müsste sie heißen:
Wenn also Politik und Wirtschaft die Erhaltung ihres Systems wollen, müssen sie aber nur für Berufe sorgen. Alles andere sollte sich wie von selbst einstellen. Die Psyche ist nämlich zwar leicht zu beeinflussen – und dann kann kann sie krank werden. – Was aber nicht so leicht funktioniert, ist sie zu ändern. Stellen SIE wieder auf die richtigen Weichen um, und die kranke Psyche wird wieder gesund. Wenn Sie das nicht tun: glauben Sie bitte nicht, Ihr Geld würde Ihnen schon dabei helfen, nicht unterzugehen. Denn wir Menschen sind Teil der Natur, und die ist wandlungsfähig. Als Teil der Natur sind auch unsere Produkte Teile der Natur. Und da die Natur wandlungsfähig ist, ist es der Wert des Geldes auch …
² Der Stadtneurotiker, Regie: Woody Allen; Metro Goldwyn-Mayer, USA 1977. Ab 30:10 ³ Matrix Reloaded, Regie: Andy Wachowski, Larry Wachowski; Village Roadshow Films, USA 2003. Ab 1:58:50
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