Der Alkohol | Kapitelübersicht
Der Alkohol ist ein großartiges Geschenk. Er lässt uns vergessen, er lässt uns das Gefühl der Einsamkeit nicht mehr spüren, er lässt uns fröhlich sein, er schenkt uns Wärme. Wenn wir in Gemeinschaft sind, lässt er uns mit den anderen reden, wenn wir allein sind, lässt er uns mit uns selbst reden. Er erfüllt uns und unsere Leere. Mit ihm zusammen wird das Fernsehen richtig unterhaltsam, ein oberflächliches Gespräch gewinnt an Tiefe. Unsere Unzufriedenheit lässt nach. Und unsere Fähigkeit zur Kontemplation wird verstärkt.

Was also würden wir ohne den Alkohol machen? Man stelle sich das nur vor: Plötzlich gäbe es keinen Alkohol mehr …

Einer meiner Lehrer sagte mal, dass zu einem guten Essen auch ein guter Wein gehörte. Diese Aussage hat 10 Jahre meines Lebens geprägt. Am Ende war ich fast ein Alkoholiker. Jedenfalls verspürte ich einen drängenden Durst nach Alkohol und ich war so lange unruhig, bis ich Bier gekauft hatte. Dann lernte ich meine erste richtige Freundin kennen. Und der drängende Durst verschwand. Allmählich wurde mir klar, dass der Alkohol sich wohl in der vergangenen Zeit genau in die Hohlräume ergossen hatte, die normalerweise von einer schönen Beziehung zu einem anderen Menschen ausgefüllt werden. Es gibt auch harte Narben oder wundgelegene Stellen der Seele, die der Alkohol wie ein narkotisierendes Öl umschmeichelt. Es gibt aber auch einfach nur das Grauen oder das Graue – beide werden vom Alkohol aufgelöst in ein fein gedimmt warmes, angenehmes Licht.

Deshalb den Alkohol zu verbieten bringt aber nichts. Wenn ein Mensch sich betäuben will, wird er Mittel und Wege finden. Es gibt nur einen einzigen Weg, den Alkohol sowie auch alle anderen Drogen einschließlich Zigaretten aus den Köpfen der Menschen zu verdrängen. Und mit »verdrängen« ist nicht eine Tätigkeit von außen gemeint. Verdrängen meint, dass der Platz für Alkohol, Zigaretten und Drogen von dem jeweils eigenen Bewusstsein zurückerobert wird. Vom Selbst und also von der bewussten Erkenntnis und dem Gewahrwerden seiner eigenen Existenz mit all ihren unerschöpflichen Möglichkeiten zur Mitgestaltung des sozialen Systems Menschheit. Auch wenn nicht ausschließlich, denn:

Die Fähigkeit zur Sucht – was für einen Zweck hat sie, wenn sie soviel Schwierigkeiten macht? Die Fähigkeit zur Sucht kann nur einen Zweck haben: zur Sucht nach einem Partner. Dafür ist die Suchtfähigkeit eigentlich da. Und wenn wir ehrlich sind: brauchen wir noch andere Suchtmittel, wenn wir einen Partner haben, mit dem wir glücklich sein können?

 

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Sinngabe.de © Daniel TORRADO HERMO 2005–2012

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